Aha-Erlebnisse zum Thema Überwachung

Es etwas naiv von mir, aber ich habe lange angenommen, dass wer sich intensiver mit Computern beschäftigt quasi automatisch ein Verständnis dafür entwickelt, welche Macht mit der Digitalisierung von Informationen, ihrer Verfielfältigung und automatischen Verarbeitung einhergeht und daraufhin ein reflektierendes Technikverständnis entwickelt.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis war dabei vielleicht Ende der 90er das Herumexperimentieren mit Fernwartungstools: Mit Back Orifice konnte man unbemerkt auf einen fremden Computer zugreifen und – das war das simpelste aber am besten beobachtbare – das CD-Laufwerk aufmachen. Ich fand das damals sehr beindruckend. Genauso wie sich der Mauszeiger per VNC-Fernzugriff auf einmal „Wie von Geisterhand“ bewegte. Eine ebenso wichtige Erfahrung für mich war das Aufsetzen eines eigenen Mail- und Proxy-Servers für meine Familie und damit einhergehend die Erkenntnis, dass ich jetzt sämtliche E-Mails und Webaufrufe mitlesen könnte. Wie sagte noch gleich Spidermans Onkel? – „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“.

Ich suche noch nach Wegen, dies Schülern klar zu machen und mit Ihnen über die daraus resultierenden Fragen zu sprechen. Denn offensichtlich gibt es keinen Automatismus zwischen Fachkentnissen und „richtigem“ Verhalten. Vielleicht sollte ich daher einfach viel mehr solcher kleinen Erfahrungen ermöglichen und anschließend reflektieren lassen…

Konkret nehme ich mir hiermit vor folgendes zu machen:

  • Packetsniffing im Netz und Mitlesen von E-Mail und Webaufrufen (am besten in einem echten, aber Simulationsumgebung wie Filius wäre auch OK)
  • Fernzugriff auf Rechner (ssh oder vnc auf die RasPis)

Wenn meine Schüler eine moralische Hilfestellung brauchen, was die Anwenung ihrer Informatikkentnisse angeht, so ziehe ich übrigens gerne die Hackerethik heran, die bestimmt auch nach diesen beiden Erfahrungen eine gute Diskussionsgrundlage sein kann.

Leben mit der Vollüberwachung

Hier mal ein Hinweis auf das höhrenswerte Chaosradio 128 „Leben mit der Vollüberwachung„:

In einer gigantischen Operation hat das Bundeskriminalamt einen Berliner Soziologen und sein gesamtes Umfeld über mehr als ein Jahr hinweg komplett überwacht. Der Verdachtsgrund: Ein paar Stichworte aus seinen Arbeiten, die mit denen aus Bekennerschreiben einer Gruppe von Brandstiftern übereinstimmen sollen. Die von der Überwachung Betroffenen – insgesamt mehr als 30 Menschen – haben jetzt teilweisen Einblick in ihre Akten bekommen.

Des weiteren verweise ich auf folgendes Überwachungs-Erfahrungs-Berichts-Blog von der Lebensgefährtin eines § 129a („Bildung terroristischer Vereinigungen“)-Angeklagten:

Auf jeden Fall ist es so, dass wir schwarz auf weiß haben, dass die Überwachung stattfindet. Wir wissen, dass die Telefonate abgehört werden, weil die Protokolle der Gespräche in den Akten stehen. Genauso die Videokameras vor und hinter dem Haus. Es gibt jede Menge Fotos in den Akten, von uns, unserer Familie, von Bekannten und Unbeteiligten. [..] Genauso wissen wir, dass die Internet- und Telefonunternehmen die Daten zur Verfügung gestellt haben [..] Und die Bahn die Bahncard-Daten zu den Reisen, die wir gemacht haben, usw. — http://annalist.noblogs.org

Noch 65 Tage bis zur totalen Protokollierung der Telekommunikation…

Nach dem ganzen sinnfreien Zeugs hier mal wieder was ernstes, wichtiges:

„Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ruft unter dem Motto „Freiheit statt Angst – Für die Grundrechte!“ zu bundesweiten Demonstrationen am 6. November 2007 auf, um die von der Koalition geplante Vorratsdatenspeicherung noch in letzter Minute zu stoppen.

Anlass für die Demonstrationen ist die Abstimmung des Deutschen Bundestags am 9. November über den Gesetzesentwurf zur Neugestaltung der Telekommunikationsüberwachung. Das Gesetz soll ab 2008 für Sicherheitsbehörden rückblickend über 6 Monate nachvollziehbar machen, wer wann mit welchen Adressen das Internet genutzt hat und wer mit wem per Telefon oder E-Mail Kontakt hatte, bei Handy-Nutzung einschließlich des Standorts. “ — Demoaufruf