Informatik-Projekte ohne Software

Mit einem Wahlpflichtkurs der Stufe 9 habe ich im letzten Quartal 2017 ein Projekt zum Internet gemacht und darüber bloggen lassen. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass ich in Stufe 8 und 9 zwar einige projektorientierte Unterrichtsphase habe, dabei aber das Endprodukt (Webseite/Spiel o.ä) schon vorgegeben ist. Bei echten Projekten nach Dewey suchen sich die Lernenden ihre Fragestellungen jedoch selbst aus. Zudem wollte ich das Inhaltsfeld „Mensch, Informatik, Gesellschaft“ schülernah bearbeiten.

Anregung dazu war für mich das Blogprojekt Postwachstum von Lisa Rosa, welches in der Veröffentlichung „Globales Lernen: Aspekte einer Postwachstums-Ökonomie“ genauer dargestellt wird.

Im Folgenden möchte ich das Projekt aus meiner Sicht reflektieren:

Einstieg

Als Vorbereitung zum Projekteinstieg sollten die Lernenden eine Collage mit den von ihnen genutzten Sozialen Netzwerken erstellen und eine erste Definition von „Soziales Netzwerk“ erstellen.

Zu Beginn der Stunde haben wir dann einige Collagen präsentiert und ein kleines Positionierungsspiel zu verschiedenen Aussagen gemacht, um evlt. vorhandene Kontroversen oder Problemstellungen herauszufinden.

  • Ich nutze täglich Soziale Netzwerke
  • Wenn man das Internet morgen abschalten würde, würde man das gar nicht merken
  • Ein Leben ohne Internet kann ich mir nicht mehr vorstellen
  • Das Internet hat viel in unserem Leben verändert
  • Ich weiß wie das Internet funktioniert
  • Ich fühle mich sicher im Umgang mit sozialen Netzwerken

Nach kurzer Diskussion zeigte dann noch einen kurzen Film und wir sammelten Assoziationen und erste Fragestellungen.

Die Themenfindung habe ich als recht langatmig empfunden. Mir fielen zig Fragen ein, die spannend wären und ich war etwas enttäuscht, dass die SchülerInnen so träge waren.

Wählen einer Forschungsfrage

Im Vorfeld habe ich kein Material vorsortiert, da ich a) nicht abschätzen konnte, wo denn die Interessen der SchülerInnen liegen und b) dachte es finden sich genug Fragestellungen und Material ist sowiso genug im Netz vorhanden. Wahrscheinlich ein Fehler.

Mit etwas Hilfe suchten sich die SchülerInnen dann doch recht bald Themen aus. Dabei überraschte mich, dass dabei kein einziges, so richtig technisches war: Niemand ist auf die Idee gekommen selber mal etwas zu programmieren oder zu vernetzen. (Das sollte eigentlich sehr zu denken geben: Liegt das so fern oder ist da so unerwünscht oder…?)

Aus den Themen sollten die SuS dann eigene Fragestellungen entwickeln, dazu habe ich aus der og. Veröffentlichung von Lisa Rosa ein Arbeitsblatt zur Entwicklung der Forschungsfrage (ODT) modifiziert und um ein für mich wichtiges Zitat ergänzt:

„Computer sind absolut nutzlos. Sie können nur Antworten geben.“

(Pablo Picasso)

„Zufälligerweise“ hatte einige sehr eng befreundete SchülerInnen die gleiche Frage. Hm. Ich habe vorher mehrfach betont, dass es wichtiger ist woran man arbeitet als mit wem aber ehrlich gesagt, ich an deren Stelle hätte mich wohl auch so verhalten.

Planung

Daltonplaun zum ausfüllen InternetprojektAls nächstes sollten die SchülerInnen ihr Vorgehen planen. Meine Schule erprobt gerade das Dalton-Konzept, bei dem die SchülerInnen für jeweils 5 Wochen einen Daltonplan erhalten und dann 1/3 ihrer Arbeit selber organisieren müssen. Typischerweise ist dieser Daltonplan also vom Lehrer ausgefüllt. In diesem Fall habe ich den SchülerInnen für ihre Arbeitsplanung einen Daltonplan zum ausfüllen gegeben. Nach Absprache der Forschungsfrage sollten sie diesen Plan ausfüllen, also wann sie welchen Teil ihrer Forschungsfrage wie bearbeiten möchten und mir erneut zur Besprechung vorlegen. Einige SuS haben sogar Kompetenzen aufgeschrieben, die sie selber erreichen wollten – Das ist Lernerorientiertung 🙂

Durchführung

Für mich anstrengend: Zurückhaltung. Einige fachliche Fehler in den Beiträgen habe ich dann doch in Kommentaren auf dem Blog angesprochen. Ansonsten habe ich mich bemüht in Gesprächen durch Fragen herausfordernde Impulse zu setzen – mehr oder weniger erfolgreich.

Ich habe regelmäßig dazu aufgerufen die Beiträge der anderen zu kommentieren. Leider hat das aufgrund der wenigen und inhaltlich schwachen Kommentare nicht den von mir erwünschten Effekt des „Voneinanderlernens“ gehabt.

In der Endphase des Projekts musste der leider viel Unterricht ausfallen (Feiertage) bzw. vertreten werden (Elternzeit) – das war sicherlich suboptimal, da ich einige SchülerInnen noch mehr hätte begleiten müssen und sie durch Fragen und Hinweise zu besseren Ergebnissen hätte bringen können.

Sehr gefreut habe ich mich, als ich sah wie eine Schülerin auf ihren Blogpost per Twitter hinwies und so ihr eigenes soziales Netzwerk in den Lernprozess einbezog.

Präsentation

Positiv überrascht war ich von der Vielfalt der Präsentationsformen und den vielen kreativen Zugängen, nämlich: Plakat, Präsentation, Video, Sachtext, Geschichte, Schaubild. Man findet alles unter https://projektblogdasinternet.wordpress.com/

Evaluation

Im Einstieg ist es wichtig genug Zeit zu geben für die Entwicklung der eigenen Fragen. Einem Schüler habe ich explizit „verboten“ einer Frage nachzugehen, da er selber erst sagte ihm fällt nichts ein und dann die Frage seines Nachbarn übernahm. Hier würde ich genau so auf die Entwicklung einer eigene Frage bestehen. Beim nächsten Mal würde ich erst in einer zufälligen Sitzordnung erste Assoziationen und mögliche Fragestellungen sammeln, in der Hoffnung, dass die SchülerInnen so weniger schnell die Frage ihres besten Freundes/ ihrer besten Freundin übernehmen.

Beibehalten würde ich auf jeden Fall die Zwischenpräsentation, da die SchülerInnen dies als Anlass gesehen haben, ihre Arbeit voranzubringen und es eine wichtige Möglichkeit ist Feedback zu bekommen.

Schade fand ich die wenige Interaktion im Blog. Ich würde in Zukunft nach Einführung des Blogs als Arbeitsmittel noch eine Einheit machen zu „Wie sieht ein guter Blog-Post aus? / Was macht einen gute Kommentar aus?“

Und ja, bei der nächsten Verwendung des Blogs werde ich das Blog vorher mit Verweisen auf Artikel und Werkzeuge und Ideen und so weiter füllen, um mehr Anreize für Fragestellungen und eigene technisch-kreative Produkte (Lernumgebung Filius, Aufbau eines eigenen Netzes, Programmierung eines Client-Server-Programms) zu geben.

Knackpunkt für mich ist das teilweise doch recht geringe inhaltliche Niveau der Präsentationen. Auch sind dabei wenig informatische Kompetenzen gestärkt worden. Ist das jetzt gut oder schlecht? Wäre es besser gewesen, wenn ich den SuS einfach eine Anleitung gegeben hätte, wie sie ein Netzwerk aus den Rasperry Pis aufbaue oder wir hätten eine Pro-Contra Diskussion zur Vorratsdatenspeicherung geführt? Ich weiß es nicht. Ich hoffe aber, dass durch die Wahl eigener Fragen und die eigene Gestaltung des Lernprozesses das Ergebnis nachhaltiger ist.

Wenn ich an meine eigene Bildungsbiografie denke, kann ich das nur bestätigen: Nur wenn ich mit etwas Sinn verbinde bemühe ich mich um gute Ergebnisse und ziehe daraus nachhaltigen Lernertrag.

Weiterentwiclung

(Ich habe alles vor dieser Zeile im Juni 2017 geschrieben, aber nicht veröffentlicht).
Beim nächtsen Durchgang im Jahr 2018 bin ich (auch aus zeitlichen Gründen) etwas anders vorgegangen und habe das Thema noch weiter gefasst „Leben, Lernen, Arbeiten im Zeitalter der Digitalisierung“

Ich habe diesmal keine Vorgaben zur Strukturierung der Arbeit vorgegeben, jedoch mit dem Kurs Kritierien zur Bewertung der Projektprodukte erarbeitet. Letzten Endes war ich begeistert von den unterschiedlichen Projektprodukten: Webseiten, Videos, eine Info-Grafike, eine Buch-Rezension, ein Podcast und ein Skulptur wurden produziert.

Ich habe es bisher versäumt mir die Erlaubnis zur Publikation der Beiträge einzuholen. Aber nebenbei ein kleiner Ausblick auf die behandelten Themen. Ich war überracht davon, dass Fragen zum Thema künstliche Intelligenz so start gewählt wurden. Wir hatte insgesamt leider nur wenig Zeit, ansonsten hätte ich gerne einen Austausch der Projekt-Teams durch Peer-Review forciert. Wie das aussehen kann möchte ich bald am Beispiel eines Projekts in der Stufe 7 in Politik mit Hilfe eines bzw. mehrerer Kanban Boards schreiben. Apropos schreiben…

Da ich es nichtmal im Sommer 2017 hingekiegt habe darüber zu schreiben möchte ich diesen Beitrag jetzt endlich online stellen. Wenn Dich, werter Leser, die Ergebnisse interessieren, reiche ich diese nach Absprache gerne nach. Ein nachfragender Kommentar an dieser Stelle wäre für die SuS sicherlich motivierend 😉

Kritische Betrachtung und Feedback

Zur weiterführenden Diskussion möchte ich noch diese Fragen stellen und hoffe auch Rückmeldungen:

  • Ist das Informatik oder „digitale Bildung“?
  • Was würde das Dagstuhl-Dreieck dazu sagen?
  • Ist das noch Unterricht oder „Wischi-waschi“?
  • Welche Strategien zur Umsetzung von Projektarbeit (Agile, SCRUM, bla…) sollten wir SuS an die Hand geben?
  • Welche anderen informatischen Projekte (ohne Software-Bezug) kennst du?

tl;dr

Mehr echte Projekte im Informatikunterricht! Lernen über das Internet im Internet mit dem Internet. Produkte nicht vorgeben. Ermöglichung eigene Fragen zu stellen.

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