Die GEW, NRW und das Fach Informatik

(Zweitverwertung eines Artikels, den ich für die Zeitschrift „Blickpunkt“ des GEW KV Wesels geschrieben habe)

Der GEW Vorstand forderte zum 28. Gewerkschaftstag im Antrag „Bildung in der digitalen Welt“ eine Ablehnung „neuer, durch die Digitalindustrie geforderter Pflichtfächer“ – womit wohl das Fach Informatik gemeint war.

Natürlich ist die Ökonomisierung von Schule abzulehnen und die Einflussnahme der Industrie im Zuge des digitalen Wandels z.B. durch teils „kostenlose“ Angebote von Software, Hardware oder der Forderung nach angeblich notwendigen, ökonomisch verwertbaren Fähigkeiten durch die GEW kritisch zu begleiten, in der aktuellen Situation ist ein Fach Informatik jedoch notwendig.

Auslöser des Leitmedienwechsels. Quelle: Beat Döbeli Honegger (2016): Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt. hep verlag, www.mehrals0und1.ch; Lizenz: CC-BY-SA

Informatische Kenntnisse sind  allgemeinbildend und heutzutage Voraussetzung für die Erklärung alltäglicher Phänomene sowie gesellschaftliche Teilhabe. Eine Anwendung digitaler Medien sowie die Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen durch den Leitmedienwechsel benötigt auch das Verständnis der zugrundeliegenden Konzepte. Die ersten beiden Punkte können dabei Aufgaben aller Fächer sein, letzteres kann so nur die Informatik leisten. Ganz abgesehen davon, dass ohne ausgebildete InformatiklehrerInnen das Gebiet denjenigen überlassen wird, die eher Anwenderschulungen und „Programmierkurse“ veranstalten – leichter beeinflusst durch industrienahe Lobbygruppen.

Leider wird Informatik bisher in der Sekundarstufe I höchstens im Wahlpflichtbereich angeboten und die Marginalisierung des Schulfaches Informatik hat dabei auch zur Folge, dass es einen erheblichen Mangel an ausgebildeten Fachlehrern gibt. Ein „#PflichtfachInformatik“ wäre ein wichtiges Signal, würde für angehende InformatiklehrerInnen Einstellungssicherheit gewähren und die informatische Bildung der SchülerInnen nicht mehr dem Zufall überlassen.

In NRW stellte in der letzten Legislaturperiode die Fraktion der Piraten einen Antrag zur Einführung eines verbindlichen Schulfachs Informatik. Leider außerte sich die GEW NRW im Düsseldorfer Landtag ablehnend und auch alle anderen Parteien stimmten gegen den Antrag.

Stattdessen sollen nun also informatische Kompetenzen (durch den Medienpass NRW) in alle Fächer integriert werden. Ob diese mangelnde Verbindlichkeit angesichts der heutigen Bedeutung der Informatik ausreichend ist, darf bezweifelt werden. Auch wie die dafür notwendige Fortbildung aller Lehrkräfte aussehen soll ist noch offen.

Dagstuhl Dreieck
Dreieck der Dagstuhl-Erklärung: Bildung in der digitalen vernetzten Welt

Um Phänomene der digital vernetzten Welt in den oben genannten drei Teilbereichen (Nutzung, Wirkung, Funktion) zu behandeln brauchen Schulen Fachleute zu den Themen Digitalisierung, Algorithmisierung und informatischer Modellierung – das sind Informatiker. Solange Schule noch in Fächern organisiert ist, kommt diese Fachkompetenz nur auf einem Weg: Durch ein Fach Informatik.

Auf dem GEW Gewerkschaftstag Anfang Mai gab es zum oben genannten Antrag zahlreiche Änderungsanträge. Im Beschluss „Bildung in der digitalen Welt“ fehlt der oben kritisierte Satz jedoch und es heißt stattdessen: „Eine informatische Bildung, die Aspekte wie Daten und Codierung, Algorithmen, Rechner und Netze sowie Informationsgesellschaft und Datensicherheit umfasst, ist notwendig.“ Eine vorschnelle Ablehnung des Faches Informatik ist somit glücklicherweise nicht erfolgt und immerhin die Notwendigkeit informatischer Bildung auf Bundesebene anerkannt.

Außerhalb Deutschlands stehen informatische Inhalte schon länger und in eigenen Fächern auf dem Stundenplan. Einige Bundesländer (z.B. Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern) haben bereits verpflichtende Stunden Informatikunterricht und zuletzt hat Baden-Württemberg angekündigt das Fach Informatik für alle Schüler einzuführen.

In NRW behauptete die FDP noch vor der Landtagswahl die Schule „digitaler“ gestalten zu wollen. Die Koalitionsverhandlungen deuten darauf hin, dass damit leider nicht gemeint war das Fach Informatik zu stärken. Es soll viel mehr das Fach „Wirtschaft“ eingeführt werden, obwohl bereits im Rahmen des Unterrichts von Politik/Wirtschaft ökonomische Inhalte (im absolut notwendigen!) Zusammenhang mit gesellschaftlichen Aspekten behandelt werden. Mit den von der FDP forcierten Inhalten und eine Loslösung von der politischen Bildung ist genau dies die eingangs erwähnte abzulehnende Ökonomisierung von Schule!

Ganz im Gegensatz zur Bedeutung der Informatik in unser aller Lebenswelt bleibt die Situation der Schulinformatik also prekär.

In der GEW NRW muss die Diskussion daher weiter gehen: Wie kann das Verständnis der dem Leitmedienwechsel vom Buch zum Digitalen zugrundeliegenden informatischen Konzepte bei Lehrkräften und SchülerInnen gestärkt werden?

tl;dr

Leitmedienwechsel macht informatische Bildung nötig. Ausgebildete Lehrkräfte dafür sind nicht in Sicht. Weitergehendes erst recht nicht. Deprimierend.

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