Twitter-Reflexion

Vor vier Monaten habe ich mich aus meiner dunklen Ecke getraut und mir vorgenommen mein Blog zu reanimierren und per Twitter aktiv mit zu diskutieren. Zeit für ein Zwischenfazit. Einiges wird für erfahrene Twitter-Nutzer selbstverständlich oder gar banal sein, aber vielleicht ist es auch gerade deswegen interessant.

Twitter Logo
Bild: twitter.com

Meinen Twitter Account habe ich 2009 erstellt, um dann doch „mal zu gucken“ was „dieses Twitter kann“. Meine damalige Meinung: Nichts.

Die Begrenzung auf 140 Zeichen fand ich total bescheuert und habe lieber Blogs gelesen, wenig geschrieben, nie kommentiert. Irgendwann wurde die „Blogosphäre“ dann aber irgendwie stiller. Facebook und Twitter wurden lauter, ich habe sie aber ignoriert.

Grund für meine Abstinenz: Kommunikationsinfrastruktur sollte dezentral, offen und bestenfalls nicht-kommerziell organisiert sein. Sonst drohen Lock-in-Effekt und übermäßige Kontrolle. Aber es besteht natürlich das Netzwerk-Effekt-Dilemma: Die zentrale Plattform, „bei der eh alle sind“ bringt am meisten Nutzen.

Ausschlaggeben dafür, dass ich mich dann doch wieder mit Twitter beschäftigt habe, war ein recht banaler: Das penetrante Bewerben eines Hashtags im Neo Magazin Royal und die unterhaltsam-politischen Tweets von @Janboehm sowie @pantoffelpunk.

Vom #EDchatDE hatte ich zwar schon gelesen, aber die Idee per Twitter einen Chat zu machen, brachte mich als mit IRC groß gewordenen dann eher zu ungläubig-unverständlichem Stirnrunzeln „Ein Chat? Mit Twitter???“.

Aber gut. Irgendwann habe ich meine Skepsis überwunden und mir das mal angesehen. Und dann das:

Beim meinem ersten #EdchatDE habe ich mich sehr alt und langsam gefühlt. So viel  Input, so schnell, so viele Gesprächsfäden gleichzeitig. Wohaa. Sehr schade, dass sich im Nachgang des gut gemeinten Buches diese Community gerade zu spalten droht.

In den ersten Wochen der Twitter-Nutzung habe ich auch schon ein gestiegenes Stress-Level bei mir beobachtet und der Blick in die Timeline war schon so häufig, dass es mich manchmal selbst genervt hat, gerade durch die Nutzung auf dem Smartphone. Wie schaffen das denn die Pro-Twitterer, so viel zu lesen und zu schreiben und gleichzeitig noch was „richtiges“ zu machen? Nimmt man sich bewußte „Twitter-Zeit“?

Die 140-Zeichen sehe ich mittlerweile als hervorragende Idee um präzises Formulieren zu erzwingen. Dadurch kann ich meine Timeline mit vielen verschiedenen Inhalten schnell überfliegen und aussortieren. Für andere Anwendungsfälle nehme man andere Kanäle.

Für mich ist das Twittern momentan auch Training meine Gedanken auf den Punkt zu bringen und dabei nicht wie üblich erst ewig nachzudenken. Twitter zwingt mich, der sehr gerne erst mal zuhört und mit „ja, aber“ antwortet, meine Meinung sehr verkürzt auf den Punkt zu bringen.

Das sehe ich auf der anderen Seite auch wiederum kritisch. Will ich Teil einer Aufmerksamkeits- und Eskalationsspirale sein? In Zeiten, in denen ein Staatsoberhaupt Aktienkurse und Außenpolitik per Tweet beeinflußt??

Auch eine Aussage wie „Ich twittere nicht, ich denke laut“ (bin mir nicht sicher, ich glaube auch wieder @Janboehm) ist zwar einerseits toll, denn mal seine Gedanken zu formulieren und direkt Reaktionen zu bekommen kann sehr helfen, aber wenn diese Gedanken von allen für sehr lange lesbar sind, sollte man sich halt auch überlegen, was man so laut denkt…

Ich hatte bisher jedoch grossartigen Input (insbes. durch den #EdchatDE). Auch über den Hashtag #digitaleBildung kommen immer wieder interessante Gedanken. Vor allem aber auch: Selbstbestätigung durch die Filterblase. Man ist nicht alleine. „Für jeden Fetisch gibt es im Internet eine Community“.

Auch das Lobbying für verbindliche informatische Inhalte für alle Schüler (#PflichtfachInformatik ) interessiert mich. BTW: Auch wenn ich die Kritik an der Begrifflichkeit nachvollziehen kann – ich kenne keine bessere Alternative. Hier habe ich das Gefühl, dass die Stimmung dazu sich in Gesellschaft und Politik positiv verändert. Ob das nur ein Gefühl ist und ob Tweets wirklich die Menschen außerhalb der eigenen Filterblase beeinflussen? Ich zumindest finde dadurch viele gute Argumente und Motivation mich für mehr Informatik für Alle einzusetzen.

Meine anfängliche Euphorie lässt zwar etwas nach. In meiner persönlichen Hype-Kurve rutsche ich wohl vom Gipfel – und hoffe ohne großes Tal das Plateau zu erreichen.

Alles in allem bereue ich es aber, erst jetzt zu twittern. Ich habe das Gefühlt die letzten Jahre etwas wichtiges verpennt zu haben und dass sich die echten Pioniere als die größten Skeptiker schon wieder zurück ziehen (Siehe Twitter – was solls).

Auf der anderen Seite erreicht das Thema „digitale Bildung“ ja jetzt erst endlich  den Mainstream. Und was denn dieses „digitale Bildung“ überhaupt ist und wie das umgesetzt werden sollte ist noch längst nicht ausdiskutiert. Dafür ist Twitter ein gutes Werkzeug, um auf dem Laufenden zu bleiben und ich werde es daher weiter nutzen.

tl;dr

Twitter: 140 Zeichen gut. Viel Inspiration. Werde es weiter nutzen.

3 Gedanken zu „Twitter-Reflexion“

  1. Völlig einverstanden: Twitter ist eine sehr gute Übung darin, eigenes Denken zu formulieren und es zu testen, zu sehen, welche Reaktionen es auslöst, wie es in Diskussionen besteht. Aber die Gefahr, sich dadurch emotional aufladen zu lassen, in immer kürzer drehenden Spiralen zu drehen – diese Gefahr besteht auch. Insofern auch eine Übung, sich zu disziplinieren.

  2. Nu brauch ich schon nicht mehr selbst reflektieren, danke, Benedikt, hätte ich nicht anders sagen können – bis auf die Pflichtfachsache, da gehen unsere Meinungen (noch) auseinander. 😉

    Twitter hat mein Personal Learning Environment nicht nur beflügelt, ich habe dadurch erst von dem Begriff dafür erfahren. Wieder was gelernt.

  3. Vielen Dank für eure Kommentare. Es freut mich, dass ihr einiges genauso seht.
    Sich nicht nicht „emotional aufladen zu lassen“ ist tatsächlich in vielen (gerade online!) Diskussionen wichtig. Zum Thema (Pflichtfach)Informatik wollte ich demnächst noch etwas schreiben – freue ich mich dann auf Diskussionen mit dir, Marc. 😉

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