Nichts

Ich breche die durch den Mangel an häuslichem Internet und wenig blog-bock verursachte Stille auf bratislav.org durch die Veröffentlichung einer tollen kleinen Geschichte, die mir im Juli diesen Jahres „geschenkt“ wurde:

Die Geschichte von dem Mädchen, das NICHTS schenken wollte

Es war Juli. Jedes Jahr war Juli. Juli und Weihnachten. Dann musste das Mädchen sich kräftig anstrengen. Denn es hatte einen Bruder, der immer sagte, wenn man ihn fragte, was er sich wünsche „nichts“ sagte. Das Mädchen dachte sich „der spinnt“ und überlegte sich andere Sachen, die ihm wohl eine Freude machen könnten. Jedes Jahr 2-mal. Zu Weihnachten, dem Konsumfest und zum Geburtstag im Juli.

Nun war es wieder Juli. Klausurzeit. Und der Bruder wünschte sich wieder nichts. Da fing das Mädchen, was gar nicht mal so dumm war, an zu denken: „Wenn er so gerne nichts haben möchte, warum schenkt ihn dann denn niemand nichts? Dieses Nichts musste etwas ganz besonderes sein, wenn er es schon so lange haben wollte und er es einfach nicht bekam. Es musste also schwer zu finden sein!“

So dachte das Mädchen eine Weile vor sich hin und kam zu dem Schluss, dass sie dieses Jahr ihrem Bruder diesen Wunsch erfüllen würde: Sie hörte sofort auf das lernen zu lernen und zu lernen warum man lernen lehren muss und was lehren und lernen ist und machte sich fortan auf die Suche nach dem Nichts.

Am Telefon erzählte ihr eine Freundin, dass sie Nichts für die Klausur gelernt hätte. Da freute sich das Mädchen, weil wenn die Freundin Nichts gelernt hatte, konnte sie ihr ja sagen, wo sie etwas Nichts herbekommen könnte. Doch die Freundin lachte sie nur aus und meinte Nichts könnte man nicht schenken.

Das fand das Mädchen komisch. Natürlich kann man nichts schenken dachte sie! Ihr Bruder war doch nicht doof und würde sich etwas wünschen, was man nicht schenken kann!
Gleich am nächsten Morgen las sie, dass die Menschen in Afrika Nichts zum essen hatten. Komisch dachte das Mädchen….Sie wusste gar nicht, dass man Nichts essen kann….Dabei war sie nicht unbewand in Essens-Sachen. Sie beschloss nach Afrika zu reisen um sich dort von den Menschen ein wenig Nichts zu holen. Doch als sie in Afrika war, stellte sie fest, dass dort die Menschen Nichts nicht hatten. Sie hatten nur jede Menge Kein: Kein Essen, Keine Gesundheit, Kein Haus, Keine Bildung, Keine Zukunft…

Kein wollte das Mädchen aber nicht haben, weil sie Kein ziemlich negativ fand. Also machte sich das Mädchen, was ja bekanntlich nicht dumm war, auf den Weg in eine Bibliothek, wo die ganzen schlauen Bücher standen. Dort erfuhr sie, dass es Menschen gibt, die mit Nichts leben. Das sind dann Mönche oder Einsiedler. Toll dachte sich das Mädchen, wenn die mit dem Nichts leben, kann ich sie ja fragen gehen. Also reiste sie nach China und fragte einen einsamen Mönch wo denn das Nichts sei, mit dem er lebte. Der Mönch, der sich sehr weise vorkam antwortete: „Mein Kind, das Nichts ist überall um uns herum und doch nirgendwo. Denn wir sehen es in der heutigen Welt nicht mehr. Nur wenn wir uns ganz aus dem Leben zurückziehen, uns selbst finden und der Melodie des Universums lauschen können wir das Nichts wahrnehmen.“

Das verstand das Mädchen nun überhaupt nicht und da der Mönch sowieso ein wenig seltsam roch, vermutete es, dass er wohl einwenig zuviel Reisschnaps und diverse Opiate zu sich genommen hatte. Darum machte es sich eiligst von dannen.

Da die Amerikaner sehr reiche Leute waren, dachte es sich, dass sie dort bestimmt etwas Nichts hätten. Sie fuhr zu einem Armeestützpunkt, da sie inzwischen davon ausging, dass das Nichts sehr schwer zu bekommen sei und dass es bestimmt sehr sorgfältig aufbewahrt werden würde. Dort fragte einen weisen Naturwissenschaftler. Der sagte Luft sei wie Nichts, dass man es nicht fassen könnte, das es wie ein Vakuum sein und dass es unsichtbar du unendlich klein wäre. Oder unendlich groß und dass sich das Universum ausdehnen würde. Bloß wisse man nicht worein es sich ausdehnen würde und dass man nichts einfach nicht verstehen kann. Leider konnte das Mädchen nur sehr schlecht Englisch und da der Mann einen grässlichen Texanischen Akzent hatte, verstand sie kaum etwas. Das einzige, was ihr klar wurde war, dass die Amerikaner ihr wohl kein Nichts angeben wollten, da es so wertvoll war und sich deshalb Ausreden ausdachte, warum es kein Nichts gibt.

Also flog sie weiter nach Griechenland, dem Land der Philosophen. Philosophen sind sehr weise Männer, die sich über alles mögliche Gedanken machen. Das Mädchen war sich sicher, dass diese wüssten, wo man Nichts findet!

Sie erfuhr, von einem Historiker, dass bei den Vorsokratikern Uneinigkeit herrschte, ob es überhaupt ein Nichts geben könne oder nicht. Während Parmenides das Nicht-Sein und damit auch die Vorstellung von Werden und Vergehen leugnete, war für Demokrit das Nichts gleichbedeutend mit der Leere, in dem sich das Seiende aus Atomen formiert. Für Aristoteles stellt das Nichts lediglich eine Kategorie der Logik im Sinne von „das Unmögliche”, „das Unwirkliche” oder „das nicht Seiende” etc. dar, während bei den Eleaten und im Neuplatonismus aus der dialektischen Spannung von Nichts und Sein das Werden erwächst.
Da sie sich alle nicht einig waren, gab es eine riesige Keilerei, die damit endete, dass alle Philosophen starben. Damit in ihren Biographien aber nicht stand: „Sie schieden in einer Keilerei dahin“, wurden einfach die wildesten Ausreden erfunden. Das alles fand das Mädchen recht unseriös und es zog weiter.

Auf den Weg nach Hause kam es in Rom vorbei, wo es hörte, dass in der Bibel stand: „Am Anfang war das Nichts“. „Ist das nicht seltsam?“, dachte es, „Wenn am Anfang das Nichts war und Gott dann die Erde geschaffen hat, dann ist das Nichts jetzt bestimmt nicht mehr da, dann wurde es ja verdrängt! Dann gibt es gar kein Nichts mehr!“

Das Machte das Mädchen sehr, sehr traurig. Denn jetzt wusste es, warum niemand ihrem Bruder Nichts schenken konnte. So blieb ihr nichts anderes übrig als ihrem Bruder zu erzählen, warum sie kein Nichts gefunden hatte – hey! das wars! Da hatte sie ein bisschen Nichts! Genauer gesagt, eine besondere Sorte von Nichts ein Nichts-anderes! Happy Birthday!

Im Juli 2005 von Johanna Roth

Ein Gedanke zu „Nichts“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.