„Informatik, Mensch, Gesellschaft“ und die Reflexionskompetenz von Informatik(lehr)ern

Sind Informatiker und Informatiklehrende „Tech-Nerds“  ohne gesellschaftliche Reflexionskompetenz?

Im Artikel  „Die neue Reflexionselite bleibt stumm“ behauptet Constanze Kurz:

Studierende der Informatik haben einen eingeengten, technischen und profitorientierten Blick. Die Wechselwirkungen zwischen Informatik und Gesellschaft, die ethische Dimension und die eigene Verantwortung werden im Studium nicht genügend thematisiert.

Dreieck der Dagstuhl-Erklärung: Bildung in der digitalen vernetzten Welt

Ich habe zwar „nur“ Informatik auf Lehramt studiert, aber mit Blick auf die Studieninhalte der „echten“ Informatiker und Gespräche mit ihnen muss ich mich dem leider anschließen: Neben Mathe, Programmieren und Modellieren war keine Zeit zum Reflektieren.

Die „Dagstuhl-Erklärung“ aus dem letzten Jahr macht jedoch ganz deutlich: Dies ist nicht genug. Neben der technologischen und der anwendungsbezogenen Perspektive muss die gesellschaftlich-kulturelle Sicht in der Bildung der digital vernetzten Welt berücksichtigt werden. Meiner Meinung nach gilt dies erst recht für InformatikerInnen.

Zumindest für Informatiklehrende ist dies durch die KMK Anforderungen an die Lehrerausbidlung durch den verpflichtenden Bereich „Informatik, Mensch und Gesellschaft“ festgelegt.

Auch der Kernlehrplan der Sek II für NRW hat diesen Bereich als eigenes Inhaltsfeld aufgeführt, ebenso die GI Empfehlung für Bildungsstandards in der Schule für die Sek I.

Im Gegensatz zu einigen meiner Informatiklehrerkollegen, die darüber die Nase rümpfen („Wie, Politik sollen wir jetzt auch machen!?„) sehe ich diese Änderung sehr positiv: Vielleicht habe ich durch mein anderes Fach (Sozialwissenschaften) da einen etwas anderen Blick, aber Informatiksysteme haben doch einen so großen Einfluß auf unsere Gesellschaft, dass InformatikerInnen und Informatiklehrende dies unbedingt reflektieren müssen: Themen wie Datenschutz, Überwachung, die Folgen der Digitalisierung etc. müssen im Informatikunterricht aufgegriffen und basierend auf informatischen Fachkenntnissen diskutiert werden.

Seit dem WS 15/17 habe ich einen Lehrauftrag an der Universität Duisburg-Essen für ein Seminar „Informatik und Gesellschaft“ für angehende Informatiklehrkräfte.

Beim aller ersten Brainstorming im Seminar war ich schon sehr erstaunt, wie wenig Berührungspunkte einige Studierende (3. Semester) von Informatik und Gesellschaft ausmachen konnten. Ich hatte mir gewünscht, dass diese sich ein Thema für ihre selbstständige Auseinandersetzung selbst aussuchen. Etwas Hilfe war dann doch notwendig, um Themen zu finden – z.B. die folgenden:

  • Digitalisierung & Die Zukunft der Arbeit
  • Big Data & Überwachung
  • Assistive Technologien & Inklusion
  • Mobilität der Zukunft & Autonome Fahrzeuge
  • „Cyberwar“

Die Diskussionen waren meist sehr lebhaft und nach und nach zeigt sich schon, dass die gesellschaftliche Wirkung von Informatiksystemen kritisch hinterfragt wurde. Meiner Meinung nach ein sehr wichtiger Schritt in der Ausbildung von zukünftigen Informatik(lehr)ern.

Vielleicht kann die Informatikdidaktik sich dabei noch etwas von der Politikdidaktik abschauen, z.B. hinsichtlich Problemorientierung und Urteilsbildung. Das verdient ein paar Gedanken mehr…

An den Anfang des Seminars stelle ich übrigens die Portraits von wichtigen Persönlichkeiten der Informatik. Insbesondere Joseph Weizenbaum wirft die Frage der Verantwortung von InformatikerInnen auf, z.B. mit folgendem Zitat:

„Wir Informatiker haben kein Recht uns zu beschweren, weil unsere Politiker uns in den Krieg führen. Weil ohne uns Informatiker wäre es nicht möglich“ — Joseph Weizenbaum

tl;dr

In Studium bzw. Ausbildung sollten InformatikerInnen und Informatiklehrende lernen, die Wechselwirkungen zwischen informatischen und gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch zu reflektieren.

Digitale Grafiken & Bildbearbeitung

Im Wahlpflichtkurs Informatik der Stufe 8 thematisiere ich „Digitale Grafiken & Bildbearbeitung“. Ein paar Ideen und Materialverweise zur Unterrichtsreihe habe ich im ZUM Wiki zusammen getragen.

Die Kurzfassung der Reihe: Ausgehend von Memes werden eigene Bilder bearbeitet und dabei die Grundlagen der Kodierung von Bildinformationen gelernt. Dabei entstehen Fragen zur Rechtslage und zur kritischen Bewertung von Bildern im Internet.

Das Thema ist für Schüler hochmotivierend, gerade auch dadurch, dass eigene, kreative Produkte gestaltet werden.

Hier möchte ich beschreiben, warum ich das Thema so toll finde, gerade vor dem Hintergrund der Dagstuhl-Erklärung: Bildung in der digitalen vernetzten Welt.

„Digitale Grafiken & Bildbearbeitung“ weiterlesen

Twitter-Reflexion

Vor vier Monaten habe ich mich aus meiner dunklen Ecke getraut und mir vorgenommen mein Blog zu reanimierren und per Twitter aktiv mit zu diskutieren. Zeit für ein Zwischenfazit. Einiges wird für erfahrene Twitter-Nutzer selbstverständlich oder gar banal sein, aber vielleicht ist es auch gerade deswegen interessant.

„Twitter-Reflexion“ weiterlesen

Darmok: Kommunikation und Kontext

Eine sehr bekannte Episode von Star Trek – The Next Generation (TNG) mit dem Titel „Darmok“

handelt von dem Captain einer nur mit Metaphern kommunizierenden Spezies, der auf einem Planeten Captain Picard zur Teilnahme an einem gemeinsamen Kampf gegen ein Monster zu bewegen versucht.

(Wikipedia: Darmok)

Klingt die Formulierung „Kampf gegen ein Monster“ vielleicht platt und uninteressant, so ist diese Episode ein wunderschönes Beispiel, dass (gute) SciFi eigentlich nur Science und Fiction benutzt um unsere Gesellschaft zu reflektieren.

Die oben genannte Episode ist von 1994, heute durch divergierende (Jugend-)Subkulturen (YouTube statt MTVIVA) und bildsprachlicher Kommunikation (Emojis und animierte Gifs ) aber hoch aktuell.

Für Sprachdidaktiker vielleicht interessant, für diejenigen, welche die Folge jetzt nochmal sehen wollen durch das „Sprach-Quiz“ aber auf jeden Fall: Darmok – Science Fiction Teaching that Language is More than Words and Grammar.

Warum ich darauf heute gekommen bin? Dazu dieses kleine Beispiel aus meiner heutigen Timeline:

tl;dr

Kommunikation ist immer kontextabhängig. Manchmal ist ganz schön viel Wissen nötig, um den Kontext zu verstehen. Kontext ist kulturabhängig. Star Trek TNG ist super.

Digitale Werkzeuge im Politikunterricht: Vier Praxisbeispiele

Anmerkung: Dieser Artikel ist die Rohfassung eines Beitrags für die kommende Neuauflage des Buchs „Methodentraining für den Politikunterricht“ und zeigt anhand von vier konkreten Unterrichtsbeispielen den Einsatz digitaler Werkzeuge im Politikunterricht.

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche und Vernetzung, Vervielfältigung und Automatisierung werden unsere Gesellschaft noch weiter in großem Maße verändern. Der folgende Beitrag soll eine Anregung sein, wie browsergestützte Online-Tools im Politikunterricht eingesetzt werden können.

Lernen im Zeitalter der Digitalisierung

Warum sollten digitale Medien als methodische Werkzeuge überhaupt im Politikunterricht Verwendung finden? Festzustellen ist zuerst, dass digitale Medien (insbesondere Smartphone und Internet) längst aus der Welt der Schüler nicht mehr wegzudenken sind und die technischen Geräte in Zukunft nicht verschwinden, sondern eher vermehrt zum Einsatz kommen werden.

Um als mündige Bürger in der informationsgesellschaft teilhaben zu können, ist daher eine Förderung der Medienkompetenz auch (oder gerade) eine Aufgabe des Politikunterrichts. Dabei sollte sich das Arbeiten mit digitalen Medien jedoch nicht auf den rein passiven “Konsum” z.B. von Youtube-Videos beschränken, sondern auch die Produktion von digitalen Inhalten forciert werden.

Ganz im Sinne der Dagstuhl-Erklärung “Bildung in der digitalen vernetzten Welt”, muss dabei die anwenderorientierte (“Wie nutze ich das?) mit der technologischen (“Wie funktioniert das”) und der gesellschaftlichen (“Wie wirkt das?”) Perspektive verbunden werden. Für die technologische Perspektive und die Vermittlung von allgemeinbildenden, informatischen Kompetenzen sollte es nach Meinung des Autors ein Fach Informatik für alle Schüler geben (zumindest solange noch in Fächern gedacht wird). Durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und deren kritische Reflexion kann aber auch der Politikunterricht zur “digitalen Bildung” beitragen.

Aus didaktischer Sicht haben digitale Werkzeuge zudem oft den Vorteil, viele Schüler zu aktivieren und ein binnendifferenziertes Lernen im eigenen Tempo zu ermöglichen. Davon abgesehen bieten sie auch neue Möglichkeiten der multimedialen Präsentation sowie räumlich und/oder zeitlich unabhängige Kollaboration – welche zusammen mit Kommunikation, Kreativität und kritischem Denken die Schlüsselkompetenzen (4C/4K) für das 21. Jahrhundert bilden. Im Folgenden werden daher vier Beispiele vorgestellt, um Anregungen zu geben, wie digitale Werkzeuge im Politikunterricht eingesetzt werden können.

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Talks vom 33c3 für den Unterricht

Nachfolgend eine kleine, vorläufige Aufstellung von Talks auf dem 33C3, die ich in irgendeiner Form in meinen Unterricht einfließen lassen möchte (später dazu ggf. mehr):

(Fast) Alle Folien: https://lab.dsst.io/slides/33c3/

Alle Videos: https://media.ccc.de/

  • Spiegel Mining: (Video, Folien, Webseite)
    Schöne Beispiele anhand von Artikeln der Webseite Spiegel Online, wie mit Big Data und passender Visualisierung Erkentnisse gewonnen bzw. bestätigt werden können.
  • Build your own NSA (Video, Folien, NDR-Bericht)
    Wie Firmen Benutzerdaten erheben, pseudomäßig anonymisieren und verkaufen. Was diese Daten aussagen und wie sie sich wieder einzelnen Benutzern zuordnen lassen können.
  • Einführung zu Blockchains (Video, Folien)
    Ein Schüler möchte seine Facharbeit zu „Chancen und Risiken von digitalen Währungen am Beispiel von Bitcoin“ schreiben. Dazu sind einige (technische) Grundlagen zur Blockchain nötig.
  • Nicht öffentlich – Ein Geheimdienst als Zeuge. Szenen aus dem NSA-Untersuchungsausschuss. (Video)
    Entlarvende Szenen wie gut (oder eben schlecht) die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste funktioniert.
  • Eine kleine Geschichte der Parlamentsschlägerei (Video)
    So erschreckend, dass es wieder lustig ist.